Leptophonics (D)
CD "Dances and other movements" (AO-NRW | NRW 3015)
Andreas Kaling basssaxophon, tenorsaxophon,
Andreas Gummersbach altsaxophon, sopransaxophon
Info | Die Zentren des internationalen Jazzgeschehens heißen New York, Philadelphia, Chicago, London, Paris... Bielefeld spielt in der Weltrangliste der Jazz-Metropolen nicht nur keine untergeordnete, sondern gar keine Rolle. Und doch gibt es in der Stadt am Teutoburger Wald einen kleinen Stamm unbeugsamer Saxophon- Titanen, die Bielefeld mit ihrer Musik ein Denkmal setzen.
Sie heißen Leptophonics und bestehen aus Andreas Kaling und Andreas Gummersbach. Schon bevor die Leptophonics ihren ersten Ton in die Hörner stießen, errangen sie zumindest einen Rekord. Mit einer Körpergröße von jeweils mehr als 1,96 Metern sind sie das längste Saxophon-Duo Deutschlands, wenn nicht gar Europas. Daher auch der mysteriöse Bandname. Leptosomen sind laut Zeit-Lexikon Konstitutionstypen, die schmal aufgeschossen und mit langen, schlanken Gliedern sind. Diese physische Voraussetzung hat nicht automatisch auch musikalische Größe zur Folge. Doch begibt man sich mit den Leptophonics in deren reiche Landschaft aus verschlungenen Saxophon-Mäandern, kann man sich schwerlich vorstellen, dass da wirklich nur zwei Musiker am Werk sind. Obwohl die beiden Bläser auf elektronische Spielereien oder akustische Täuschungen voll und ganz verzichten, klingen sie doch oft wie eine vier- oder mehrköpfige Band. Die Dichte und Undurchdringlichkeit der individuellen Läufe verwachsen zu einer kollektiven Sprache, die eine genaue Zuordnung des einzelnen Tons oft schwer macht. Die Philosophie der sich bedingenden Gegensätze kommt nicht zuletzt in der Leichtfüßigkeit zum Ausdruck, mit der Andreas Kaling das an sich schwerfällige und deshalb selten gespielte Basssaxofon meistert. So ist das längste Saxophon-Duo Deutschlands zugleich auch das kleinste Saxophon-Quartett der Welt. Andreas Kaling führt diese Qualität ausgerechnet auf die klare Rollenverteilung innerhalb des Duos zurück. „Ich spiele in der Regel Bass und bin für den Groove zuständig. Das lyrische Element und die Soli kommen von meinem Kollegen. In meinen Kompositionen arbeite ich sehr gern mit krummen Rhythmen, was den Eindruck einer gewissen Dichte und Undurchdringlichkeit verstärkt.“
Ihre gemeinsame Sprache haben sich die beiden Saxophonisten im Lauf von zehn Jahren in verschiedensten spielerischen Kontexten angeeignet. Aus der freien Improvisation im spielerischen Miteinander entstand ein Kanon an Möglichkeiten, der beständig erweitert, modifiziert und aufgefrischt wird. Flexibilität und ein hohes Maß an gegenseitiger Anpassungsfähigkeit ist ein Markenzeichen der Leptophonics geworden. „Wir können uns zu jeder denkbaren Gelegenheit hinstellen“, so Gummersbach, „und über eine Stunde spielen, ohne ein Wort gesagt zu haben. Wir kennen uns ganz genau, reagieren auf die Muster des jeweils anderen und nehmen teilweise sogar schon konträre Spielhaltungen ein, um den anderen herauszufordern. Dieser Prozess ist durch ganz unterschiedliche Spielsituationen geprägt. Konzerte, Vernissagen, Improvisationen in der Landschaft.“
Die Leptophonics stellen einen Sonderfall in der deutschen Jazz-Landschaft dar. Sind die meisten Musiker, selbst in den großen Jazz-Zentren des Landes, darauf bedacht, ihren jeweiligen Standort herunterzuspielen, so gelang Kaling und Gummersbach mit ihrer ersten CD „Sight-Hearing-Tour“ ein liebevolles und leidenschaftliches Porträt ihrer Heimatstadt Bielefeld. „Wir beide leben seit 20 Jahren in Bielefeld. Irgendwann hatten wir keine Lust mehr, im Keller zu üben und sind rausgegangen. Daraus entstand die Idee, unser Spiel an verschieden- en Orten aufzunehmen. Wir waren selbst erstaunt, wie authentisch das klang. Das hätte vielleicht genauso gut in einer anderen Stadt passieren können, denn Bielefeld hat keine ausgeprägte Jazz-Szene. Aber wir fühlen uns hier sehr wohl.“ So ist „Sight-Hearing-Tour“ direkt ihrem Alltag als Musiker abgelauscht.
Die neue CD „Dances And Other Movements“ ist nun der bewusste Gegen-
entwurf zum Erstling. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die freie, spontane Improvisation, sondern Kompositionen. Räume werden nicht mehr situativ illustriert, sondern konzeptionell entworfen und imaginiert. Dazu musste das Duo die Bewegung von draußen nach drinnen vollziehen. Die Leptophonics gingen mit fertigen Stücken ins Studio, ließen jedoch zu, dass sich die Kompositionen während der Aufnahmen noch veränderten, was dem Album eine besondere Lebendigkeit verleiht. Der Albumtitel nimmt schon die Dramaturgie der CD vorweg. In den meisten Stücken geht es um Bewegung und Reisen, um Positionsveränderungen und Fokussierungen. Der Raum entsteht von innen heraus. Als gefragtes Duo sind Kaling und Gummersbach selbst viel auf Reisen. Insofern hat auch das neue Album viel mit ihrem Musikeralltag zu tun.
Der wichtigste Aspekt liegt jedoch in den Persönlichkeiten der beiden Protagonisten. Privat eng befreundet, sind Kaling und Gummersbach doch musikalische Antipoden. Kaling, der einst in der Band Alte Leidenschaften spielte, kommt aus der freien Improvisation und Avantgarde. Er trägt eine gewisse Wildheit in das Duo. Gummersbach hingegen beschritt den klassischen Weg eines Jazzmusikers über Harmonien und Changes. Er bringt das lyrische Element in die Band. Doch wo immer sie auch ansetzen, entdecken sie doch stets neue Orte, an denen sie sich mit dem Hörer treffen können. Die Leptophonics erzählen Geschichten von sich selbst. Das macht ihre Musik nicht nur glaubwürdig, sondern weckt die Lust am Weiterhören, denn man will unweigerlich wissen, wie diese Geschichten ausgehen.
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