Joachim Raffel Sextett (D)
Jazz- und Weltmusikensemble aus Norddeutschland
Joachim Raffel
fender rhodes, piano, tambourine | Jan Klare alto saxophone | Stephan Struck trumpet | Alex Morsey bass, tuba | Robert Kretzschmar tenor saxophone | Christian Schoenefeldt drums
CD "Nir Bwana" (AO-NRW | NRW Vertrieb)
eine Koproduktion mit Radio Bremen
Info-Text | Längst ist der Osnabrücker Pianist Joachim Raffel zu einer festen Größe der deutschen Jazzszene geworden. Mit wechselnden Formationen legt er seit über einem Jahrzehnt Alben vor, die sich sowohl durch kompositorischen Witz auszeichnen, als auch durch improvisatorische Freiheit, durch kollektiven Geist wie durch ein hohes Maß an Individualität.
Zwischen diesen Extrempositionen des Jazz ist auch Raffels neues Album „nir bwana“ angesiedelt. Und es ist bestimmt kein Zufall, das er dafür die gleiche Formation um sich versammelte, mit der er im Jahr 2000 die CD „In Motion“ eingespielt hat: das Joachim Raffel Sextett. Denn schon vor fünf Jahren überzeugte dieses Ensemble durch kompakten Sound und ein hohes Maß an individueller Spielfreude.
Diesmal sind die Musiker allerdings nicht ins Studio gegangen, sondern haben sich kurz vor Weihnachten letzten Jahres in den Sendesaal von Radio Bremen begeben – zu einem Dreisprung aus Konzert, Sendung und CD-Produktion. Das Ergebnis: Joachim Raffels erste Live-CD. Vorausgegangen waren dem Konzert eine intensive Probenphase und einige Konzerte. Die wenigen Termine genügten, die Band fest zusammenzuschweißen – die Aufnahmen spiegeln wider, wie hier sechs Musiker unterschiedlichster Profile die Konturen eines kraftvollen Ensembles prägen.
Schon in den ersten Takten des Eröffnungsstücks kura kura treffen zwei höchst unterschiedliche Charaktere aufeinander: Mit einer schlichten Begleitformel grundiert Bandchef Joachim Raffel am altehrwürdigen Fender Rhodes das expressive Spiel des Altsaxophonisten Jan Klare. Der tastet sich sanft mit luftigen Tönen ins Stück hinein, steigert seine Intensität und formuliert bohrende Fragen. Multiinstrumentalist Alex Morsey verstärkt mit der Tuba die Basslinie, Jan Klares Lines schrauben sich in die Höhe, bereiten den Boden für Christian Schoenefeldt, der mit schwebenden Beckenschlägen hinzutritt, und Raffel verdichtet die Musik mit rauen Akkorden. Während Klare das Saxophon klagen lässt, treten die ersten Schläge auf der Snare hinzu, und erst als sich der rock-inspirierte Grundrhythmus konkretisiert hat, kommt Jan Klare beim eigentlichen Thema an, treten Trompeter Stephan Struck und Raffels langjähriger Wegbegleiter Robert Kretzschmar am Tenorsaxophon hinzu.
Zweierlei spiegelt die lang angelegte Entwicklung wider: Einen Spannungsbogen im Kleinen, den die Band über die gesamte CD zu spannen versteht. Und eine musikalische Haltung, die symptomatisch für das steht, was Raffel auf seinen bisher sechs CDs präsentiert hat. „Die Musik ist handfester und feuriger geworden“, sagt er selbst, und ergänzt: „Ich war früher zurückhaltender, spiele jetzt auf einem höheren Energielevel.“ Was er damit meint, zeigt nicht nur das pulsierende, afro-inspirierte Drängen des Titelstücks nir bwana oder der spannende funk von this is. Auf welchem Level eine harmonierende Band mit großartigen Musikern spielen kann, führt better not now vor: Das mondäne Thema atmet den Blues in lässiger Eleganz und geschmeidiger Kraft. Doch voraus geht die Bridge – gespielt im irrwitzigen up-tempo, das Assoziationen an längst vergangene Freejazz-Zeiten weckt.
A propos Blues: Auch den lässt Raffel mittlerweile offener zu Tage treten. Dem Urgrund des Jazz hat er sogar einen Titel gewidmet: always trust the blues heißt das Stück, das, so Raffel, eine Hommage an Duke Ellington darstellt. Da zeigt sich in den satten Bläsersätzen, die einer Bigband zur Ehre gereichen würden – und in den lakonischen Klavier-Riffs, mit denen Raffel die spannungsreichen Stopps füllt. Freilich ist Raffel dabei viel zu kreativ, dem altgedienten und mitunter auch überstrapazierten Blues-Schema zu folgen. Stattdessen spielt er virtuos mit den Formeln und schreibt gewissermaßen einen Blues über den Blues. Dabei klingt sein musikalisches Nachdenken alles andere als verkopft. Sondern überaus mitreißend. Sein Faible für musikalische Grübeleien im besten Sinne kommt aber immer wieder durch: Etwa in der Wortschöpfung „Nir bwana“, die dem Nirwana durch ein schlichtes „b“ eine afrikanische Note hinzufügt. Im Gegensatz zu solchen Weltmusikanklängen steht dann aber ein höchst urbanes Stück wie rush hour, das kreisend pulsierende Motorik mit dichten Bläsersätzen kombiniert.
Solche Stücke dokumentieren Raffels nach wie vor hohen gestalterischen Anspruch. Um dem gerecht zu werden, räumt er der Komposition und dem Arrangement großen Stellenwert ein. „Der kompositorische Rahmen gibt die atmosphärische Vorgabe meiner Stücke“, erläutert Raffel. So kommen immer wieder seine klassischen Wurzeln durch, etwa in der Eingangsformel von kura kura: Wie ein barocker Lamento-Bass steigen die Basstöne chromatisch abwärts. Aber auch Einflüssen aus Pop oder Rock verschließt er sich nicht: In move! zeigt die Band, dass sich ein dumpfer Reggae-Rhythmus durchaus jazztauglich verfeinern lässt und höchst transparent klingen kann. Und natürlich lassen sich die Off-Beats um einige raffinierte rhythmische Wendungen ergänzen.
Bei all dem stellt Raffel gern seine Mitmusiker in den Mittelpunkt. Morsey steuert mit honestly eine ruhige Komposition bei, bei der sich ein vierstimmiger Bläsersatz aus den beiden Saxophonen, Trompete und Tuba in einen ruhigen (!) Dreizehn-Viertel-Takt auflöst. Und auch bei den Soloexkursen lässt der Bandleader seinen Kollegen gern den Vortritt: Vor allem Robert Kretzschmar bekommt reichlich Gelegenheit, sein zwischen zarter Lyrik und wilder Expression angesiedeltes Spiel zu entfalten.
Immer wieder ist es die Band, die als Kollektiv fantastisch funktioniert.
nir bwana dokumentiert dies.
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