JazzHaus Orchestra (D)

CD "Cosmopolitans" (Schoener Hören | NRW 4020)
Jan-Peter Klöpfel musikalische Leitung, Ulita Knaus Gesang, Hans-Malte Witte Alt-Sax, Christian Wohlers Alt-Sax, Tilman Ehrhorn Tenor-Sax, Markus Steinhauser Tenor-Sax, Bernd Reincke Bariton-Sax, Melf Uwe Holmer Trompete, Gunnar Kockjoy Trompete, Eike Berger Trompete, Phillip Kacza Trompete, Claas Ueberschär Trompete, Sebastian John Posaune, Uwe Granitza Posaune, Alexander Nowak Posaune, Sebastian Hoffmann Bass-Pos,
Hendrik Meyer Gitarre, Wolf Kerschek Vibraphon, Mischa Schumann Piano, Oliver Karstens Bass, Heinz Lichius Drums

Info | Vor ungefähr 20 Jahren war Hamburg die Sahara des Jazz. Nur die Kakteen des Oldtime Jazz krallten ihre Wurzeln in den kargen Boden. Es gab auch zwei Oasen, das Onkel Pö und die Fabrik. Einmal pro Jahr regnete es ein Jazzfestival. Im Funkhaus des NDR saß ein genialischer Jazzbeduine, der seine Vorlieben pflegte. Doch falls jemand in dieser Stadt auf die Idee kam, modernen Jazz auch selber spielen zu wollen: an der Elbe war ihm das Verdursten sicher. Die Handvoll Begabungen nahm Reißaus und fand ihr Glück anderswo.
Eines Tages kam ein Mann aus Graz in die Stadt, der als Klavierspieler und Gelehrter sein Geld verdiente. Man trug ihm die Leitung der NDR Studioband an, einer Combo, die ihr Image als Unterhaltungskapelle loswerden und richtig Jazz spielen wollte. Sie hatte sich ein paar namhafte Solisten geangelt, spielte aber immer noch Hafenkonzerte. Der Grazer brachte frischen Wind in die Band und besetzte jede frei werdende Stelle mit einem teamfähigen Spitzensolisten. Er bekam auch eine Professur an der Hamburger Musikhochschule. Dort richtete er einen Studiengang für Jazz ein, an dem auch seine Bigbandmusikanten unterrichteten, und mit den Jahren verwandelte sich die Jazzwüste Hamburg in – nun ja, nicht gerade eine blühende Landschaft, aber doch in kultiviertes Terrain, auf dem inzwischen allerhand Gewächse der improvisierten Musik gut gedeihen. Dem Rutengänger und Regenmacher Dieter Glawischnig sei Dank.

Warum erzählen wir das? Weil es ohne Dieter Glawischnig die Platte, die Sie in den Händen halten, nicht gäbe. Das Jazzhaus Orchestra besteht ganz überwiegend aus Teilnehmern und Absolventen seines Jazzstudiengangs, viele von ihnen haben sich als Einspringer oder (freilich nie so genannte) Trainees in der NDR Bigband das eine oder andere Horn abgestoßen. Alle leben von der Musik. „Meine Seele jubelt“, schreibt Glawischnig in einem kleinen Beitrag im CD-Booklet. Sie jubelt über ein besonders gelungenes Resultat der Nachwuchs- förderung, denn das Orchestra bedarf weder seiner Protektion noch hängt es am Tropf institutioneller Sicherheiten. Die Band existiert, weil die Musiker es so wollen. Natürlich ist es schwer, so viele Mitspieler, wie sie eine Bigband nun mal braucht, regelmäßig zu unbezahlten Proben zusammenzutrommeln. Und natürlich sind die Arbeitsmöglichkeiten eines freien, unsubventionierten Großensembles schmal, und die meist überschaubare Gage muss durch viele durstige Kehlen geteilt werden. Doch allen Unbilden zum Trotz existieren sie nun schon seit sieben Jahren, und wie bei allen Gruppen, die diesen Namen verdienen, ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Will sagen: das JHO besitzt eine eigene, unverwechselbare Identität.

„Cosmopolitans“ ist die zweite CD mit lauter Eigenkompositionen der Band- mitglieder. Jan-Peter Klöpfel, der das Orchester als Kapellmeister zusammenhält und als Komponist eine große Vorliebe fürs Kantable hat, leitet die 20 Kollegen umsichtig durch neun stilistisch sehr heterogene Partituren. Diesmal haben außer ihm der Pianist Mischa Schumann, der Vibraphonist Wolf Kerschek, der Posaunist Sebastian Hoffmann und die Sängerin Ulita Knaus das Spielmaterial geliefert. Krummtaktige Grüße an Arnold Schönberg („Urban aus der U-Bahn“) stehen neben einem getragenen Tango, in dem auch die Feierlichkeit deutscher Posaunenchoräle aufgehoben scheint („Silence of Water“). Es gibt einige fette Bigband-Momente, in denen das Orchester unter vollem Swingdampf steht („Don’t Get Sibby“), und einen melancholischen, von wunderbaren Gesangslinien durchzogenen Walzer, dessen Text den Umstand beklagt, dass die Liebe zweier Menschen meist nicht zum selben Zeitpunkt zu Ende geht. Interessant, wie sich das solierende Tenorsaxophon von Markus Steinhauser erst mit dem Unausweichlichen abzufinden scheint und traurig-sparsame Töne findet, um sich dann doch zunehmend gegen das Schicksal aufzulehnen. Wie man hören kann, nützt das nichts, denn das einsame Saxophon wird in Gestalt immer dräuenderer, geradezu gewittrig düsterer Bläsereinwürfe in seine Schranken gewiesen. Zwei Songs später singt Ulita Knaus ihr Hohelied auf die Autarkie der Frau („It Is You“), das sie schon für ihr Debütalbum „Cuisa“ aufgenommen hatte. Und beweist in den letzten Takten aufs neue, dass der Scatgesang in einer so schönen und absolut intonationssicheren Stimme wie der ihren zu faszinieren vermag.

Man wird den Musikern nicht zu nahe treten wenn man konstatiert, dass nicht in jedem ihrer Soli hier der Jazz neu erfunden wird; man kann das sogar als Stilmittel deuten. Denn weniger als das Individuum feiern die Arrangements des JHO das Kollektiv. In immer wieder auch überraschenden Segmentierungen zeigt die Band, wie unerschöpflich vielfältig die Klänge sind, die solch ein Orchester hervorbringen kann.

In den letzten Jahren haben sich viele der Musiker, die hier zu hören sind, auch in kleinen Ensembles oder als Solisten in die vorderen Ränge des Jazz in Deutschland gespielt. Doch die meisten von ihnen nutzen das JHO weiterhin als Experimentierfeld, auf dem sie ihre größeren Würfe landen können.

„Cosmopolitans“, aufgenommen und koproduziert vom NDR, ist auf dem Label schoener hoeren des Saxophonisten Jonas Schoen erschienen.