Andreas Wahl (D)
CD "Experimentle Band " (AO-NRW | NRW 3014)
Andreas Wahl elek,akust & fretless Gitarren, Banjo, Peter Bolte Altsaxophon, Veit Lange Tenorsaxophon, Bassklarinette, Duduk, Hartmut Kracht Kontrabass, akust Bassgitarre, Christoph Hillmann Schlagzeug
Info | Jedes Album, jedes Kunstwerk verlangt nach seiner Zeit. Die Andreas Wahl Experimentle Band besteht bereits seit sieben Jahren, doch waren es nicht nur organisatorische Gründe, aus denen die erste CD dieses Quintetts mit Magnetpol in Essen erst jetzt erscheint. Die Musik der Experimentle Band schien nicht in eine Zeit zu passen, in der sich verschiedene puritanische Auffassungen und Schulen erbittert um die authentische Pflege des Jazz-Erbes stritten. Andreas Wahl schaut über den Tellerrand des Jazz hinaus, ohne dafür eine neue Programmatik bemühen zu wollen.
Zunächst einmal geht Andreas Wahl von seiner Gitarre aus. Pat Metheny, Bill Frisell, Marc Ribot und eine Reihe anderer Gitarristen haben das Vokabular der Jazzgitarre in den letzten zwanzig Jahren derart erweitert, dass die Vorstellung schwerfällt, ein junger deutscher Gitarrist hätte dem noch etwas hinzuzufügen. Doch dem erfindungsreichen Wahl geht es bei seiner Auffassung von Musik weniger um den Jazz allein. „Im Gegenteil“, beteuert Wahl, „ich finde, dass die Gitarre im Jazz noch lange nicht ihre Möglichkeiten ausgeschöpft hat. Im Rock und Pop gibt es unzählige Sounds, die im Jazz überhaupt keine Rolle spielen. An diesem Punkt fängt für mich die Herausforderung überhaupt erst an.“
Nun ist das Debüt der Experimentle Band beim besten Willen keine Gitarrenplatte mit Rhythmus- und Bläserbegleitung. Mit Fixgrößen am deutschen Jazzfirmament wie Bassist Hartmut Kracht, den Holzbläsern Peter Bolte und Veit Lange sowie Drummer Christoph Hillmann ist die Gruppe nicht nur hochkarätig besetzt, sondern die spielerischen Anteile sind absolut gleich verteilt. Der Star ist die Gruppe, in die alle individuellen Intentionen und Fähigkeiten einfließen. So eklektizistisch die Musik der Experimentle Band ist, liegt der rote Faden der CD gerade in der Besetzung. „Die Charaktere innerhalb der Band sind höchst unterschiedlich“, so Wahl. „Der Beitrag eines jeden Musikers wäre allein für sich schon eine starke Einheit. Es liegt nun an mir, ein großes Ganzes daraus zu machen."
Diese kreative Spannung schlägt sich in der Musik nieder. Fünf Individualisten nähern sich aus fünf Perspektiven einem gemeinsamen Zentrum. Wahl hält die Band souverän zusammen, lässt Dinge zu, die sich spontan aus dem Spiel ergeben, changiert zwischen verspielter Lockerheit und konstruktivistischem Ernst. In ihrer Gesamtheit klingt die CD wie ein Streifzug durch die jüngere Jazzgeschichte, die jedoch nicht von ihrer stilistischen, sondern von ihrer klanglichen Seite aufgegriffen wird. Um diesen Eindruck zu vermitteln ging die Combo für die Verhältnisse einer Jazzband ungewöhnlich gut vorbereitet ins Studio. Wahl brachte eine Reihe von Kompositionen mit, hatte aber auch einige Improvisationen im Kopf, denen jeweils ein Titel und ein konträres Bild zugrunde lagen. Entgegen den Gepflogenheiten freier Improvisation durfte keine dieser Kollektivimpros länger als drei Minuten dauern. Diese spontanen Improvisationen wurden innerhalb einer Stunde en bloc im Studio aufgenommen und stellen neun der insgesamt 17 Stücke.
Andreas Wahl ist ein Klangdramaturg, dessen Stärke darin besteht, genau zu wissen, wann er festhalten und loslassen muss. Seine eigenen strukturellen Ideen und Klangvorstellungen versteht er als Eckpunkte, von denen aus sich die Musik entwickelt. Seine Band hatte Zeit zum Reifen, um genau an jenem Punkt mit ihrer ersten CD an die Öffentlichkeit zu treten, an dem man sich eine gemeinsame Plattform erspielt hatte und Experiment kein Synonym für Sinnsuche mehr war. Dennoch steht das „Experimentle“ im Bandlogo nicht für die Kombination von „Experiment“ und „Gentle“, wie Wahl unterstreicht. „Mit dieser Endung wollte ich lediglich meine schwäbische Herkunft herausheben und darauf hinweisen, dass der Spaßfaktor im Jazz nicht zu kurz kommen sollte. Wir liefern sicher an manchen Stellen schwere Kost, doch dafür muss man an anderer Stelle umso leichter sein.“
Die Experimentle Band ist für den offenen Jazzhörer eine willkommene Horizonterweiterung, bietet aber auch für den Jazz ungewohnten Hörer von Punk bis Klassik genug Ansatzpunkte, um in einer außergewöhnlichen musikalischen Geografie das eine oder andere Lieblingsplätzchen zu finden.
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